Blick in die Zukunft des Varietés

Marburg. „Varieté im Wandel“ war das Thema, das die Teilnehmer des 1. Marburger Varieté Symposiums am Montag in der Waggonhalle beschäftigte.

Der Marburger Zauberer Horst Lohr (Juno) veranstaltete das Symposium gemeinsam mit dem Kulturzentrum Waggonhalle und der Kunsthistorischen Gesellschaft für Circus und Varietékunst anlässlich des 7. Marburger Varieté- Sommers. Die Veranstaltung richtete sich „an die Leute vor, hinter und auf der Bühne, also an alle, die sich für Varieté interessieren“, erklärte Horst Lohr. „Ich halte es für sehr wichtig, dass wir uns jenseits der Arbeit darüber austauschen, wie wir uns das Varieté wünschen, in welche Richtung es sich entwickeln soll.“

Drei Vorträge sollten die Diskussion zum Wandel im Varieté anregen. Zum Auftakt skizzierte Klaus Herrmann die mehr als 2000-jährige Geschichte der Zauberkunst. Den Wandel der Werbe-Ästhetik in der der Zauberkunst dokumentierte er mit Beispielen aus seiner umfangreichen Sammlung von historischen Zauberplakaten.

Dr. Andreas Michel, Zauberkünstler und Philosoph aus Koblenz, beleuchtete die Veränderungen im Präsentationsstil. Denn während sich die Technik, das Handwerkszeug der einzelnen Künste in Jahrhunderten nicht wesentlich verändert hätten, habe sich die Art der Präsentation immer wieder dem jeweiligen Zeitgeist angepasst.

Kennzeichnend für den derzeitigen Trend sei eine zunehmende Aufhebung des Gegensatzes zwischen so genannter „ernster“und „unterhaltender“ Kunst. Dies äußere sich darin, dass Varietékünstler immer häufiger Themen, Stilmittel und Methoden in ihre Arbeit integrierten, die bis vor kurzem der „E-Kunst“ vorbehalten waren. So setzt sich Bauchredner Frank Rossi in einer Nummer mit dem Problem des Stotterns auseinander; Akrobaten ironisieren sich selbst und ihre Kunst, indem sie Comedy und Akrobatik verbinden.

Dr. Wolfgang Jansen, der Präsident des Verbandes der deutschen Varieté- Theater, widmete sich in seinem Vortrag der Entwicklung der neuen Varietés seit Ende der 80er Jahre aus der Perspektive der Theaterbetreiber. Auf die große Gründer-Euphorie der frühen 1990er Jahre sei eine Phase der Theaterpleiten gefolgt, berichtete Jansen. Diese hätten zunächst vor allem Häuser betroffen, deren Gründung weniger durch Begeisterung für Artistik als durch Gewinninteressen motiviert gewesen sei.

Seit mehreren Jahren kämpfen viele der in der Regel nicht subventionierten Häuser mit rückläufigen Verkaufszahlen. Jansen sieht die Ursache in der Euro-Umstellung und einer seit dem 11. September 2001 gedämpften Vergnügungsbereitschaft des Publikums.

Gleichzeitig habe im Varietébereich die Ära der Konzernbildung begonnen: Derzeit gibt es bereits vier GOP Varietés in Hannover, Essen, Bad Oeynhausen und Münster. Weitere sind in Planung. Was dies für das künstlerische Niveau der Varieté- Theater bedeutet, ließ Jansen offen.

Praktisch ergänzt wurde der theoretische Teil des Symposiums durch die stilistisch sehr unterschiedlichen Manipulationsnummern von Juno und Sebastian Nicolas, der kürzlich bei den Weltmeisterschaften der Zauberkunst in Stockholm als bester deutscher Manipulator abschnitt. Zu sehen waren auch zwei Filme des Regisseurs Bert Schmidt. In „Herzblatt“ inszenierte er mit Jeff Sheridan einen surrealistischen Spaziergang am Frankfurter Main-Ufer. „Tanz des Sysiphos“ ist ein Porträt des aus Aschaffenburg stammenden Weltklasse-Jongleurs Ernesto Montego.

Veranstalter Horst Lohr zeigte sich zufrieden mit dem Verlauf des Symposiums, hätte sich jedoch mehr Teilnehmer gewünscht, „vor allem von Seiten der Theaterbetreiber“. Das Symposium endete am Dienstag mit einem Besuch des Marburger Zirkus- und Varieté- Archivs in der Ketzerbach. (Quelle: op-marburg.de)

Hier gibt es noch zwei Artikel die in gewisser Hinsicht an das Thema anknüpfen, zum einen Zauberkunst im Wandel der Zeit und dann Zauberkunst heute.

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