von David Schumacher
Seit 30 Jahren kennt man sie von unzähligen Aufklebern, Buttons und Plakaten: die Friedenstaube. Den legendären Vogel gab es wirklich. Ihr Besitzer war ein finnischer Zauberer.
Die Friedenstaube „Pulu“ ist nur echt mit der Kerbe im Schwanz. Und die ist Folge eines kleinen UnfallsVielleicht ist es ihr rechter Flügel. Er ist verdreht, die weiße Taube scheint ihn in den blauen Himmel zu recken wie eine Hand zum Gruß. Oder wie zur Beschwichtigung, als rufe der Vogel: „Nicht schießen! Bin unbewaffnet!“ Sie hat etwas, das andere nicht haben. Denn ausgerechnet diese Taube ließ sich nieder auf Millionen deutscher Stoßstangen, Fahnen, Jeansjacken, als Aufkleber, Button, Poster.
Nun, nach 30 Jahren Berühmtheit, will die FTD dem weißen Vogel endlich einen Namen geben: Pulu soll sie heißen. Das ist Finnisch für „Taube“. Denn die deutsche Friedenstaube kommt eigentlich aus Finnland, und sie hat einiges durchgemacht.
Horst Trapp hat Pulus Karriere mit angestoßen, wenn auch unbewusst, vor 30 Jahren, im Hinterzimmer eines Kölner Verlags. Dort trafen sich die Vertreter der jungen westdeutschen Friedensbewegung, um die großen Demonstrationen zu planen. Zum Beispiel die in Bonn, am 22. Mai 1976. „Stoppt das Wettrüsten“ sollte auf dem Plakat stehen.

Eine Schwanzfeder fehlte
Die Aktivisten suchten nur noch ein Motiv. Irgendjemand zog aus den Stapeln von Flugblättern, Prospekten, Handzetteln, die im Büro herumlagen, ein Foto, das eine weiße Taube zeigte, den linken Flügel weit aufgefächert, den rechten im Schwung verdreht. Eine ihrer Schwanzfedern fehlte. „Wahrscheinlich habe ich den anderen zugestimmt, dass die ganz schön ist“, sagt Trapp heute, mit 71 Jahren. „Also haben wir die übernommen, das haben wir immer so gemacht.“ Einer aus der Gruppe war gelernter Grafiker, er zeichnete die Taube einfach ab, so detailgetreu, dass auch die Kerbe im Schwanz deutlich erkennbar blieb.
Bei einer Taube dachte man schon damals an Frieden, dank Picasso. Der Maler hatte Plakatmotive für die Weltfriedenskongresse gezeichnet, die in den 50er Jahren abgehalten wurden. „Aber die Taube ist gar nicht das eigentliche Friedenssymbol“, sagt der Kunsthistoriker Hans-Martin Kaulbach, „sondern der Ölzweig in ihrem Schnabel.“ Picasso aber ließ den Zweig häufig einfach weg.

Gute Farbkombination
Es gibt andere Friedenssymbole wie die Regenbogenfahne oder das „Peace“-Zeichen. Aber diese blau-weiße Taube verbreitete sich wie von selbst, auf Ansteckern, auf Autoaufklebern, auf Bannern, und zwar „wahnsinnig schnell“, sagt Kaulbach noch heute mit Staunen in der Stimme. „Es gab sie auf Demos, in Buchläden, in Mensas, überall.“ Die Farben Blau und Weiß seien eine gute Kombination, das erkläre ihren Erfolg. Zum Teil jedenfalls. Von Pulus Martyrium weiß er nichts.

Pulu gehörte in den 70er Jahren einem finnischen Zauberer namens Pekka Kärkkäinen. Sie verbrachte ihre Tage damit, aus Zylindern und Ärmeln und finnischen Fahnen herausgezaubert zu werden. Da Hüte und Manschetten für eine Taube wenig Platz bieten, stutzte Kärkkäinen ihre Schwanzfedern – eine branchenübliche Operation.
Eines Tages im Jahr 1974 meldete sich der Grafikstudent Mika Launis beim Zauberer. Er suche eine Taube, die er für ein Plakat des Finnischen Friedenskomitees fotografieren lassen wollte. Die Organisation war damals so populär, dass ihr Politiker aller Parteien, Künstler und Schauspieler angehörten. Unter seinen vier Tauben wählte Kärkkäinen die schönste, die mit dem makellosen Federkleid: Pulu.

Man konnte sie in die Luft werfen
Launis hatte ein bestimmtes Motiv im Kopf. Er brachte ein zehnjähriges Mädchen mit ins Fotostudio. Es sollte so aussehen, als ob die Taube gerade aus den Händen des Mädchens emporflattert. Dafür war Pulu hervorragend ausgebildet: Man konnte sie in die Luft werfen, sie flog ein paar Meter und kehrte von selbst zurück. Allerdings hatte Pulu keine Erfahrung mit engen Fotostudios, wo Kabel wie Schlingen herumliegen, lauter unförmige Geräte im Weg stehen und grelle Scheinwerfer leuchten.

Pulu verlor die Orientierung und knallte gegen den Ständer eines Scheinwerfers. Dabei brach eine ihrer Schwanzfedern ab – und hinterließ ein deutliches Loch im Federkleid. Ansonsten schien es ihr aber gut zu gehen. Das Shooting ging weiter. „Das Mädchen hat die Taube wohl mindestens hundertmal in die Luft geworfen“, sagt Mika Launis, der heute 57 Jahre alt ist. Jedes Mal drückte der Fotograf auf den Auslöser.

Launis schaute sich die Abzüge an, die Pulu in jeder erdenklichen Flughaltung zeigten. Auf einem Bild hält sie ihren Kopf erhoben, der Schnabel ist fein und zart, ihr linkes Auge blickt in die Kamera. Sie streckt ihre Krallen, als räkelte sie sich. Die Flügel sind weit ausgebreitet, durch die Perspektive von unten sieht der rechte Flügel etwas verdreht aus. Die Aufnahme entstand nach dem Unfall mit dem Scheinwerfer: Die fünfte Schwanzfeder von rechts fehlt. Pulu sieht aus, als fliege sie gerade in die Freiheit und winke zum Abschied. Dieses Foto wählte Launis aus. „Rauhan Puolesta“ schrieb er darüber und die Übersetzung auf Russisch, Englisch, Spanisch, Schwedisch, Französisch und Deutsch: „Für Frieden“.

Ausländern gefiel Plakat
Das Plakat hing überall in Helsinki, als im Sommer 1975 viele Regierungschefs in die Stadt kamen, um die Schlussakte der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa zu unterzeichnen. In ihrem Gefolge reisten unzählige Friedensaktivisten nach Finnland, denn die Unterzeichnung bedeutete den ersten großen Erfolg der Entspannungspolitik. Launis erinnert sich, dass Ausländer seinen Plakatentwurf lobten, in der DDR druckte ihn das FDJ-Magazin „Kontakt“ nach. „Kurz danach sah ich, dass das Motiv an vielen Orten der Welt auftauchte.“ Besonders in Deutschland. Auch Launis, der Pulu als Friedensfotomodell entdeckte, verwendete sie später immer wieder. „Grafiker kopierten sie einfach ständig, in Finnland, Deutschland, sogar in Australien“, sagt Launis. „Es ist wie bei einem guten Stück Musik.“

Heute ist Launis einer der gefragtesten Grafiker Finnlands, er entwarf die ersten Euro-Briefmarken, illustrierte die finnische Ausgabe von „Harry Potter“ und verdient ordentlich. Sein größter Erfolg, die Taube, war mit 1000 Euro abgegolten, die das Friedenskomitee ihm damals gewährte. „Ich dachte nicht daran, mich um das Copyright zu kümmern“, sagt er. „Ich fand, das Motiv steht für den Frieden, also sollte es frei sein.“ Launis war all die Jahre zu bescheiden, die Welt darauf hinzuweisen, dass es sein Entwurf war. Und so erfuhr die Abrüstungsbewegung nie, wie Pulu leiden musste. Der berühmte Aufkleber schien wie vom Himmel gefallen.
Dabei fällt selbst in einer basisdemokratischen Bewegung nichts vom Himmel, wie die Geschichte der anderen Friedenszeichen zeigt. Das berühmte Peace-Zeichen ist eine Kreation des Grafikdesigners Gerard Holtom, Absolvent des berühmten englischen Royal College of Art und Mitglied des Aktionskomitees gegen Atomkrieg. Er entwarf es für den ersten Ostermarsch 1958, der von London zur Atomwaffenanlage in Aldermaston führte. Holtom suchte ein Markenzeichen, das die Demonstranten auf ihre Schilder malen konnten, um ein einheitliches Bild abzugeben.
„Ich mochte es sofort“, erinnert sich Pat Arrowsmith, die zu den vier Menschen gehörte, die Holtoms Entwurf vorgelegt bekamen. „Es trug keine religiösen Symbole, ich als säkularer Mensch fand das gut.“ Das Zeichen kombinierte zwei Buchstaben des Fahnenwinkeralphabets, und zwar N und D – für Nuclear Disarmament, also nukleare Abrüstung. Der Kreis symbolisiert den Erdball.

Deutungsversuche
Manche wollten in dem Zeichen die umgedrehte Todesrune der Nazis sehen. Andere vermuteten alte heidnische Symbole. Schließlich erklärte sein Erfinder Holtom, es handele sich um ein Selbstporträt. Er sei eben verzweifelt gewesen und habe ein Strichmännchen gezeichnet, das die Arme in Selbstaufgabe nach unten strecke.

Die Aktivisten waren sich einig: Sie würden kein Copyright anmelden. Dass ihr Zeichen nicht nur von Friedensgruppen, sondern auch kommerziell gebraucht wird, auf T-Shirts, als Ohrring, auf Plattencovern, in der Werbung, das habe man in Kauf nehmen müssen, sagt Arrowsmith. „Wir waren doch froh, als es überall auf der Welt übernommen wurde.“ Ein Weggefährte von Martin Luther King nahm am ersten Ostermarsch teil und brachte das Zeichen mit in die USA. Dort stand es zunächst für die Bürgerrechtsbewegung und später für den Protest gegen den Vietnamkrieg. Schließlich tauchte es überall auf, wo für den allgemeinen Weltfrieden geworben wurde.
Das Zeichen ist so einfach, dass schon Dreijährige es nachmalen können – sollte man meinen. Arrowsmith ist 76 Jahre, sie ist eine stolze Britin mit kurzem weißem Haar und Altersstrenge in der Stimme, und sie geht noch auf Friedensdemos. Dort ärgert sie sich über Demonstranten, die den Mercedesstern auf ihre Plakate gemalt haben. „Dann gehe ich hin, ziehe einen Stift und male die fehlende Linie hin.“
Auch das dritte berühmte Friedenszeichen, die Regenbogenfahne, verbreitete sich nach einer gezielten Kampagne. Der Pazifist Aldo Capitini hatte die Fahne schon 1961 erfunden, für einen Friedensmarsch von Perugia nach Assisi. Aber erst im Herbst 2002 hatte der Pater Alex Zanotelli den Einfall, dass sich die Fahne gut eigne, um sie aus Fenstern und von Balkonen zu hängen. Er rief den Slogan „Pace da tutti i Balconi“ aus – Frieden von allen Balkonen. Erst seitdem prangt das Wort „Pace“ auf der Fahne. Der Erfolg war überwältigend: Nicht nur in Italien, sondern auch im Rest der Welt steht dieses Zeichen nun für Hoffnung auf Frieden. Es wirkt zeitgemäßer als Pulu. Sie erinnert die Menschen wohl zu sehr an die überwundenen Konflikte des Kalten Krieges.

Sie ist überall
Und doch ist Pulu noch überall. Der Zauberer Pekka Kärkkäinen reiste im vergangenen Frühjahr mit seiner Frau nach Paris. „Und da sah ich plötzlich meine Taube wieder – als großes Bild in einer Metrostation.“ In solchen Momenten wallt der Stolz in ihm, den er in sich birgt, seit Mika Launis seine Pulu auf ein Poster brachte. „Ich bekam ja mit, wie sie in ganz Europa berühmt wurde.“
Die Tauben wohnten bei ihm zu Hause, auch Pulu lebte noch viele Jahre. „Ich hoffe, sie ruht in Frieden“, sagt Kärkkäinen. Er geht noch heute auf Tournee, mit 55 Jahren, als Clown Bluffo, der Zaubertricks kann.
Pulus kleinen Unfall im Fotostudio hat Kärkkäinen fast vergessen. Ihre Schwanzfeder wuchs einfach nach.

Die Friedenstaube (Quelle: ftd.de/politik/international/121465.html)

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