Nach dem kollektiven Fußballtaumel (danke liebe Deutsche Nationalmannschaft!) gibt es keinen Anlass, in eine Post-WM-Depression zu verfallen. Endlich bleibt wieder Zeit für die wichtigen Dinge: Zauberkunst, Poker, Cappuccino, hier ein paar Gründe, warum der Sommer auch ohne Fußball lebenswert bleibt …

Die ersten Wochen dachte ich immer, dass es an der WM liegt, dass die Leute alle so aus dem Häuschen sind, doch nein, mittlerweile ist mir klar, es liegt am Wetter. Bei diesen Temperaturen muss Mensch durchdrehen – Fußball hin oder her. Wetten, dass die Kneipen mit ihren Biergärten und Freiterassen, heute, morgen und übermorgen genauso voll, wenn nicht voller sein werden als während der WM? Schließlich gibt es keine Fanmeile mehr. Wo soll Mensch in Sommernächten wie diesen denn sonst auch hin? In der stickigen Wohnung bleiben, wo selbst weit geöffnete Fensterflügel keine Kühlung bringen? Früh ins Bett, um dann nicht schlafen zu können? Dann doch lieber gleich auf der Straße die Nacht zum Tage machen, Unmengen von Flüssigkeit in sich hineinkippen und Nonsens reden. Gerade der Tage sind doch noch hunderttausende von Nationaltrainern unterwegs 🙂

Da war doch noch was: Ach ja, die Liebe. Ob sie gelitten hat in den letzten vier Wochen? – Auf jeden Fall fehlen ihr mindestens 64 mal 90 Minuten. 5.760 Minuten sind das, wenn man es ausrechnet. Das macht 96 Stunden oder vier Tage. Die Nachspielzeiten, Verlängerungen und Elfemeterschießereien nicht mitgerechnet. Insgesamt gilt es, festzuhalten: Vier volle Tage Lebenszeit – Schlaf nicht eingerechnet – sind bei Fußballbegeisterten fürs Fußballgucken verschwendet worden. Wie die Liebe diese verlorene Zeit je wieder gutmachen wird, das steht dahin. Aber die Hauptstadt der Singles zeigt sich getreu dem Motto „verliebt in Berlin“.

Im letzten Monat hat sich eine Weltmeistersprache aus Begeisterungsvokabeln und Superlativen wie Zuckerguss über die nüchterne deutsche Sprache gelegt: Allerorten beschwor man Wunder und feierte Helden, Titanen, Fußballgötter und Zauberer, gelegentlich wurde sogar die Hand Gottes gesichtet.

Der kollektive Hang zum Pathos erfasste nicht nur Fußballkommentatoren, sondern auch Politiker, Feuilletonisten und ganz normale Berliner. Wer einmal gehört hat, wie Fußballfans einen knapp eins neunzig großen Mann als „Odonkor, Zaubermaus“ bejubeln, wünscht sich staubtrockene Vokabeln wie „Strukturreform“ oder „Antidiskriminierungsgesetz“ herbei. Plattitüden wie „Die Welt zu Gast bei Freunden“ oder „Weltmeister der Herzen“ gehören genauso in die Sprachmottenkiste wie „schwarz-rot-geil“ als Formel des „neuen, leichten Patriotismus“. Der darf ja gerne bleiben, ebenso wie die Schwalbe, sofern sie ein Tier ist. Auch der Bundestrainer darf bleiben, aber statt Klinsi mit kollektivem Possessivpronomen könnte man ihn einfach mal wieder bei vollem Namen nennen.

Kaum zu glauben war der gewaltige Wandel was die Höflichkeit der Berliner betraf, die sonst so sture Betonmentalität änderte sich während der WM. Busfahrer sprachen plötzlich Englisch, selbst 20-jährige Kunstgeschichtestudentinnen aus Mitte lächelten Unbekannte an. Das könnte zum großen Ziel Berlins für die kommenden Jahre werden! Nicht nur „arm, aber sexy“ könnten die Hauptstädter sein.

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